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Populäre Irrtümer übers Chinesische

DE
 
 
Solche Sätze höre ich oft: "Wie kann eine Sprache nur so sein! Alle Wörter klingen wie Tsching, Tschang, Tschung! Da gibt es keine Grammatik, keine Zeitformen, und die Kinder schinden sich in der Schule ab, um fünfzigtausend und mehr Buchstaben zu lernen. Da können sie doch für nichts anderes mehr Zeit haben! Wie einfach und klar ist dagegen das Deutsche mit seinen 59 Buchstaben!"
Na, ganz so schlimm ist die chinesische Sprache dann nun doch nicht! Dieser Artikel soll helfen, die größten Irrtümer geradezurücken. 
 
1.) Das Chinesische kennt keine Grammatik.
 
Nicht ganz richtig. Wahr ist allerdings, dass es keine Flexion gibt: Kommen - kam - kommst - kommt - käme - komme: Alles ist lai (来)! Aber natürlich lässt sich auch auf Chinesisch unterscheiden, ob der Hund den Menschen beißt (gou yao ren), oder umgekehrt (ren yao gou)! Wie zu erwarten, geht das einfach über die Wortstellung. 
 
2.) Es gibt keine Zeitformen; Vergangenheit und Gegenwart, alles ist Eines!
 
Nicht ganz richtig. Tatsächlich erkennt man die Vergangenheit manchmal nur daran, dass da eine Zeitangabe wie "gestern" (zuo tian) angefügt ist. Aber es gibt auch eine Konstruktion, die wie der deutsche Perfekt mit "haben" aufgebaut ist: wo mei you shou dao ta de xin (我没有收到她的信): "ich habe ihren Brief nicht gekriegt." Hier ist die Silbe "you" die Übersetzung von "haben"; wörtlich: "Ich nicht haben bekommen-dahin ihr's Brief". 
 
3.) Alles klingt wie Tsching, Tschang, Tschung, es gibt nur ganz wenige Wörter. So eine Babysprache!
 
Tatsächlich unterscheidet das Chinesische nur etwas über 400 Silben. Da es sich um eine "Tonsprache" handelt (je nach Tonhöhenänderung bekommt hier ein Wort eine andere Bedeutung), erhöht sich die Anzahl der Silben auf knapp 1700. Ganz entgegen einer verbreiteten Annahme sind aber chinesische Wörter nur selten einsilbig; die meisten sind Zusammensetzungen wie "Eisenbahnwagen". Beispiel: Diannao (电脑), wörtlich: "elektrisches Hirn", heißt "Computer". Das gibt eine Unzahl möglicher Kombinationen. Deshalb braucht sich der chinesische Wortschatz nicht hinter dem deutschen zu verstecken.
 
4.) Eine Verständigung mit so wenig Silben muss doch unweigerlich zu Missverständnissen führen! 
 
In der Schrift sind die einzelnen Wörter ja klar unterschieden. Eine Silbe wie "ji" (sprich "dsjih") schreibt sich unter anderem 几, 讥, 极, 积, 基 oder 激. Man hört beim Sprechen keinen Unterschied, auch nicht in der Stimmlage. Beim Hören eines gesprochenen Satzes geht die Bedeutung einer einzelnen Silbe aus dem Kontext hervor. Das funktioniert wie beim Simsen mit dem Handy, wo auch die Tastenkombinationen nicht immer eindeutig sind: Tippen Sie einmal zur Veranschaulichung das Wort "Jagd" in ihr Handy, und drücken dann mehrmals die Sterntaste. Es erscheinen nacheinander die Wörter "Laie", "Lage", "Läge", "jage". In einem Satz wie "Ich bin auf dem Gebiet ein blutiger ..." ist klar, welches Wort gemeint ist. 
 
5.) Wozu schinden sich die Chinesen nur mit ihren 50.000 Zeichen ab, statt mit deutschen Buchstaben zu schreiben, wo unser Alphabet doch so einfach ist?
 
Stellt man Chinesen diese Frage, so antworten sie meistens: "Die chinesische Schrift ist doch schön!" Aber rechtfertigt die Schönheit solche Plackerei? Man muss sehen, dass die Schrift auch praktisch ist! Ja, doch, das ist sie!
 
Erstens
beseitigt sie die Unklarheiten, die ich in Absatz 4 beschrieben habe.
 
Zweitens
sprechen nicht alle Chinesen dasselbe Chinesisch. Die Schriftzeichen sind aber (fast) für alle chinesischen Dialekte dieselben.
 
Drittens
ist die chinesische Schrift eben nicht so viel schwerer als das lateinische Alphabet! Um das zu verstehen, muss man sich klar machen, dass es ja mit dem Erlernen der lumpigen 59 deutschen Buchstaben nicht getan ist. Das sehen Sie, wenn Sie versuchen, einen deutschen Text in Spiegelschrift zu lesen. Die Buchstaben lassen sich im Spiegelbild leicht erkennen. Aber das Lesen geht längst nicht so flüssig! Das kommt daher, dass wir ZEIT-Leser nicht bloß die nackten Buchstaben im Kopf haben, sondern auch eine Unzahl von Wort- und Textfragmenten. Daher erkennen wir in Sekundenbruchteilen auch ein langes Wort. Diese Fähigkeit haben wir uns in langern Jahren der Übung angeeignet; beim Spiegelschriftlesen benutzen wir sie nicht.
 
Viertens
beherrschen Chinesen gar nicht die ganzen 50.000 Zeichen. Ich habe mal bei meinen ehemaligen Studierenden mit Hilfe statistischer Methoden herausgefunden, dass sie nur knapp über 7000 Zeichen lesen können. Schreiben können sie sogar noch weniger.
 
Übrigens gehören Hongkong und Taiwan zu den Weltregionen mit besonders niedrigen Analphabetenraten.

 

 

Zuletzt geändert am: 12-11-2010 um 09:47

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